Konflikte deeskalieren: Vier einfache Regeln

Beitragsbild: BlitzDie Erfahrung zeigt, dass Konflikte ab einem bestimmten Punkt die Tendenz haben, sich zu verschlimmern. Die Konfliktforschung spricht von der Konflikteskalation. Die Eskalation ist, wie u.a. Friedrich Glasl zeigt, eine Art Teufelskreis. Die Konfliktparteien laufen Gefahr, in die Eskalation wie in einen Strudel hineingezogen zu werden, der alles verschlingt.

Vier einfache Maßnahmen haben sich als ausgesprochen hilfreich erwiesen, wenn es darum geht, die Eskalationsdynamik zu stoppen und Voraussetzungen für eine Beilegung des Konflikts zu schaffen. Diese Maßnahmen sind vor allem dann wirksam, wenn ein Konflikt noch nicht allzu weit eskaliert ist. Für Konflikte, die bereits gerichtlich ausgetragen werden, gelten eigene Regeln. Dann ist es angebracht, sich durch den gewählten Rechtsbeistand beraten zu lassen.

1) Höflich sein

Die erste Maßnahme besteht darin, höflich zu sein. Maßstab sind dabei die im jeweiligen Umfeld üblichen Höflichkeitsformen. Wo es üblich ist, einander per Handschlag zu begrüßen, werden auch Konfliktbeteiligte per Handschlag begrüßt. Wo ein einfaches „Hallo“ üblich ist, genügt ein „Hallo“, usw.

Gerade in angespannten Lagen ist es gut, einen kleinen Grad höflicher zu sein, als dies sonst üblich ist, als Investition in ein gutes Miteinander. Dies ist auch ein Gebot der Selbstachtung.

Oft fällt es Konfliktbeteiligten schwer, die Höflichkeitsformen einzuhalten, weil dies im Widerspruch zu ihrer Gefühlslage steht.

Das Tolle an der Höflichkeit ist aber gerade: Jeder weiß, dass es nicht immer wörtlich gemeint ist.

Wer einen Bekannten auf der Straße mit den Worten „Hallo, wie geht’s?“ begrüßt, erwartet keine ausführliche Antwort, sondern ein einfaches „Danke, gut!“, und er weiß, dass es sich bei dieser Antwort um eine Höflichkeitsfloskel handelt, nicht um eine umfassende Information. – Höflichkeit muss nicht „von Herzen kommen.“ Das gibt uns die Freiheit, auch in angespannten Situationen die Form zu wahren.

Wer andere höflich behandelt, signalisiert, dass er entschlossen ist, respektvoll mit ihnen umzugehen.

Höflichkeit signalisiert Respekt. Sie erzeugt beim Gegenüber positive Gefühle und gibt ihm die Sicherheit, trotz bestehender Differenzen anständig behandelt zu werden.

Höflichkeit bleibt nicht ohne Wirkung. Durch höfliches Verhalten können Sie zur Deeskalation beitragen und Grundlagen für eine konstruktive Auseinandersetzung schaffen. Durch Höflichkeit gestalten Sie den Stil mit.

Höflichkeit ist kein taktisches Manöver, sondern eine Investition.

Die Rüpeleien eines Donald Trump im Wahlkampf lassen sich nicht so einfach nach der Wahl durch einen Aufruf zur Versöhnung  ungeschehen machen.

Wer aber entschlossen bleibt, dauerhaft und unter allen Umständen höflich zu bleiben, wird auf lange Sicht tragfähige Beziehungen schaffen und den Respekt seiner Mitmenschen genießen.

Falls nötig, fangen Sie jetzt an und bleiben Sie dran!

In Kontakt bleiben

Weil Menschen die Begegung mit ihren Konfliktpartnern als belastend erleben, tendieren sie dazu, einander aus dem Weg zu gehen. Im Konflikt herrscht ein Gefühl der Unsicherheit: Wer weiß, was der/die andere sich als nächstes einfallen lässt, um mir/uns zu schaden?

Wo Konfliktparteien einander aus dem Weg gehen, verstärkt sich das Gefühl der Unsicherheit.

Wo reale Begegnungen ausbleiben, müssen Menschen Vermutungen anstellen. Je weniger Konfliktparteien in Kontakt stehen, umso schlimmer malen sie sich Zerstörungsmöglichkeiten und -absichten des/der anderen aus. So wächst das Misstrauen. Der Konflikt verschärft sich ganz von selbst.

Gerade im Konflikt sollten Sie den Kontakt zum Gegenüber zu suchen, Ihre eigenen Vermutungen an der Realität prüfen und auch Ihren Konfliktpartner nicht mit seinen bösen Fantasien allein lassen.

Konflikte lassen sich nur mit Realitätsbezug lösen. Persönliche Begegnungen schaffen Realitätsbezug.

Mündlich, nicht schriftlich kommunizieren

Immer wieder zeigen Coachees mir Ausdrucke von E-Mail-Wechseln, in denen die Beteiligten sich in eine unentrinnbare, leidvolle Kette von Missverständnissen, Beschuldigungen und Festschreibungen verstricken.

Jede schriftliche Information eröffnet Interpretationsspielräume.

Und damit sind der Argwohn keine Grenzen gesetzt. Die auf eine „falsch verstandene“ E-Mail folgenden Antworten und Klärungsversuche führen oft zu weiteren Missverständnissen und Spannungen, da sie auf dem Hintergrund dessen gelesen werden, was zuvor geschehen ist.

Menschen, die verunsichert sind (und das ist in Konflikten der Fall), neigen zu misstrauischen Interpretationen.

Der Interpretationsspielraum ist bei schriftlichen Äußerungen viel größer als im persönlichen Gespräch, wo Stimme, Mimik und andere nonverbale Signale das Gesagte besser qualifizieren und wo die Gesprächspartner unmittelbar aufeinander reagieren können. Beleidigende E-Mails sind dagegen nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Die Autoren werden darauf „festgenagelt“, auch wenn sie es anders gemeint ahben. Und sie wissen auch nicht, wer sie im Lauf der Zeit noch zu lesen bekommen wird.

Suchen und pflegen Sie gerade in angespannten Situationen das persönliche Gespräch! (Auch wenn’s schwer fällt)

Nicht zu viele einbeziehen

Wenn Konflikte sich steigern, neigen die Beteiligten dazu, sich Unterstützer_innen zu suchen. Ganz normal! Sie erweitern damit, wie Glasl sagt, die Konfliktarena. Dies zeigt sich z.B. in der wachsenden Anzahl derjenigen, die bei E-Mails in CC gesetzt werden. Damit wird der Konflikt jedoch immer komplizierter, da die zu Mitwissern gemachten Dritten das Geschehen auf ihre eigene Weise interpretieren, kommentieren, Partei beziehen und beeinflussen.

Wer die Arena vergrößert, gibt das Gesetz des Handelns aus der Hand und verliert Einfluss.

Wer immer mehr Dritte einbezieht, setzt sich zusätzlichen Deutungen, Missverständnissen und Festlegungen aus, er lockt Projektionen an und riskiert, sich selbst in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Einwirkungen Dritter stehen einer direkten und vertrauensvollen Konfliktklärung durch die unmittelbar Beteiligten im Weg.

Achten Sie deshalb unbedingt darauf, die Konfliktarena klein zu halten, wenn Sie Ihre Spannungen und Konflikte möglichst schmerzfrei und schadlos überstehen wollen.

„Erst die anderen, dann ich“

„Erst müssen die anderen bereit sein, sich auch an die Regeln zu halten.“ – Das bekomme ich gelegentlich von Konfliktbeteiligten zu hören.

Wer die Einhaltung gewisser Spielregeln vom Gegner erwartet, bevor er bereit ist, sich selbst daran zu halten, macht sich von ihm abhängig.

Das Höflichsein, In-Kontakt-Bleiben, Mündlich-Kommunizieren, Die-Arena-klein-Halten führt immer zu einer Verbesserung und lässt Sie besser dastehen. Verzichten Sie nicht auf diese wertvollen Handlungsmöglichkeiten, Ihre Situationen zu verbessern, nur, weil Ihr Gegenüber sich nicht an die Regeln halten will. Konfliktpartner, die sich respektlos verhalten, die Begegnung meiden, auf direkte Kommunikation verzichten und die Arena ausweiten, disqualifizieren sich selbst und verschlechtern ihre eigenen Chancen auf eine konstruktive Beilegung ihres Konflikts.

Bleiben Sie entschlossen, in gute Voraussetzungen für eine konstruktive Konfliktklärung zu investieren.