Neutralität

Veröffentlicht am Kategorisiert in Allgemein, Coaching, Moderation

Als Coach und Moderator bin ich kein unbeschriebenes Blatt: Ich bringe alles mit, was ich weiß, gelernt, erlebt, erfahren, reflektiert oder auch nicht reflektiert habe. Ich muss davon ausgehen, dass vieles davon mir gar nicht bewusst ist. Ich bin nicht neutral. Ich kann es gar nicht sein.

In Coaching und Moderation bemühe ich mich, die Situation und Sichtweise meiner Gesprächspartner*innen zu verstehen. Ich weiß aber, dass ich nie zu einem perfekten Verständnis des anderen kommen kann. Immer bleibt eine Differenz zwischen dem, was die/der andere äußert, und dem, was ich verstehe. Ich kann auch nicht wissen, wie groß diese Differenz wirklich ist. Mein Versuch, zu verstehen, bleibt ein Experimentieren und Suchen, ein Spiel.

Im Verständnis bleiben Lücken. Nicht alles kann wissen, vieles muss ich mir erschließen, vorstellen, zusammenreimen …, mit Hilfe meiner Vorstellungskraft. Ich höre etwas. Ich bekomme manches mit. Ich kann mir einiges vorstellen. Ich glaube, einigermaßen zu verstehen, was gemeint ist. Manches klingt an. Ich versuche, dem Geäußerten und dem Nicht-Geäußerten, dem Impliziten auf die Spur zu kommen. Dafür brauche ich meine Imagination.

Was geäußert wird, ruft bei mir Vorerfahrungen, Vorwissen, Voreinstellungen und damit auch Vorurteile und Voreingenommenheiten wach. Vielleicht helfen sie mir, die anderen besser zu verstehen, vielleicht auch nicht.

Coaching und Moderation leben aber gar nicht davon, dass ich die anderen vollständig verstehe. Meine Aufgabe ist eine andere. Es geht nicht darum, dass ich andere verstehe, sondern dass sie sich selbst verstehen als Einzelne im Coaching und dass sie in der Gruppe sich selbst und einander verstehen mit Hilfe der Moderation.

Das ist dann schon einmal die halbe Miete. Meist geht es darum, darüber hinaus zu Entscheidungen zu kommen. Das Bemühen, sich selbst und einander (besser) zu verstehen, dient dem Ziel, sich mit sich selbst und einander zu verständigen. Nicht nur Gruppen und Gremien haben Verständigungsbedarf, auch die einzelne Person muss sich mit sich selbst verständigen: Sie führt ein Selbstgespräch, ein Gespräch ihrer Gedanken und Gefühle. Sie bringt ihre inneren Stimmen, Regungen, Stimmungen ins Gespräch miteinander, um mit sich selbst eine Verständigung auszuhandeln, der sie dann im Ganzen zustimmen kann und will. So führt die Selbstverständigung zur Entscheidung.

Insofern ist Coaching auch eine Art Moderation: Als Coach moderiere ich Selbstgespräche.

Dabei kann ich nicht neutral bleiben. Ich bringe meine Voreinstellungen mit. Vielleicht treten sie zutage, wenn ich mich spontan, aus dem Augenblick heraus äußere und verhalte. Gelegentlich frage ich mich im Nachhinein, was mich zu einer bestimmten Äußerung bewogen hat. Das ist dann eine Frage für meine Supervision.

Wenn ich im Coaching und in der Moderation zuhöre und wahrnehme, startet unweigerlich mein „Kopfkino.“ Die Fülle der Bilder, Gedanken und Gefühle, die in mir wachgerufen werden, bietet mir Anknüpfungsmöglichkeiten und Anhaltspunkte. Assoziationen stellen sich ein, also Verbindungen, Verknüpfungen zwischen meinem Innenleben und dem, was ich höre und wahrnehme. Während ich zuhöre, mache ich mir meine Assoziationen bewusst und prüfe sie. Und wenn mir scheint, dass meine Assoziationen, Einfälle, Gedanken und Gefühle hilfreich sein könnten, spreche ich sie auch aus. Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, mich jenseits der (Selbst-)Klärungs- und (Selbst-)Verständigungsprozessen meiner Klient_innen meinen eigenen Selbstklärungs- und Selbstverständigungsprozessen zuzuwenden, um entscheiden zu können, inwieweit und in welcher Form ich mich äußern möchte.

Dabei ist übrigens nicht entscheidend, dass meine Äußerungen „voll zutreffen“ und meine Klientinnen sich „voll verstanden“ fühlen. Ich riskiere, dass mein Beitrag ihnen fremd oder befremdlich vorkommt. Gerade mit befremdlichen Äußerungen, die aus dem Versuch, zu verstehen, erwachsen sind, gebe ich Impulse, die den (Selbst-)Verständigungsprozess voranbringen können. Ein bis dahin nicht ausgesprochener, womöglich nicht einmal gedachter Gedanke, ein bis dahin nicht wahrgenommenes oder zumindest nicht geäußertes Gefühl ist nun im Raum, tritt ins Bewusstsein, erweitert den Kontext und bietet neue Anhaltspunkte auf dem Weg zur (Selbst-)Verständigung, (Selbst-)Klärung und Entscheidung meiner Klient*innen.

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