Vom Schwadronieren

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Heinrich von Kleist, Briefmarke der Deutschen Bundespost 1961

Coaching und Moderation – Raum zum Schwadronieren

Sowohl im Coaching als auch in Sitzungen kommen Klient_innen oder Sitzungsteilnehmer_innen manchmal ins Schwadronieren: Sie beginnen mit etwas mehr oder weniger Unverständlichem, behaupten irgendetwas, ziehen die Rede in die Länge, nehmen Umwege, bemühen Beispiele und Assoziationen. Und nach und nach bildet sich ein Gedanke. Sie spannen die Geduld der Sitzungsteilnehmer_innen oder des Coachs auf die Folter. Sie steigern sich in etwas hinein, verstricken sich in Nebengedanken, und wenn der/die Coach oder andere Sitzungsteilnehmer_innen ihnen mit angespannter Aufmerksamkeit zu folgen versuchen, kommt irgendwann der Moment, in dem sie zu dem kommen, was man “einen klaren Gedanken fassen” nennt. Sie haben diesen Gedanken vorher nicht gekannt. Er ist ihnen selbst neu, war ihnen vorher in dieser Klarheit nicht bewusst, aber jetzt ist er da!

Dieser Prozess, den Heinrich von Kleist schon 1805 in seinem berühmten Aufsatz “Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden” beschrieben hat, ist für das Denken ungeheuer bedeutsam. Wo es dem/der Coach oder den Teilnehmer_innen einer Sitzung gelingt, jemandem diesen Weg zuzugestehen, dieses Sich-Hineinsteigern in einen erst entstehenden Gedanken auszuhalten und aufmerksam zu verfolgen, besteht eine gute Chance, dass es der sprechenden Person gelingt, einen neuen Gedanken zu fassen.

Ins Schwadronieren kommen Menschen leicht, wenn sie aufgefordert werden, zu erzählen. Dabei ist manchmal eine Hürde zu überwinden, um überhaupt ins Sprechen zu kommen. Manchmal muss erst alles geäußert werden, was bisher schon gedacht ist und sozusagen fertig formuliert “auf der Festplatte” vorhanden ist. Dann gilt es, zu warten, bis der Speicher leer ist. Und danach die Stille auszuhalten, bis der/die Redende einen neuen Anlauf nimmt.

Diejenigen, die zuvor schon intensiv nachgedacht und sich vorbereitet haben und die hoffen, in einem geeigneten Augenblick ihren wohl durchdachten Gedanken zur Sprache bringen zu können, sind dann oft im Nachteil, denn, wie Kleists scharfsinnig beobachtet hat, tun sich diese Stillen dann oft schwer, das wohl Durchdachte in Worte zu fassen. – Während auf der anderen Seite eine Person, die noch gar nicht weiß, wohin ihre Rede sie führen wird, sich in den Redefluss hineinsteigert, dabei aber durch die Anwesenheit der Zuhörenden auch immer mehr unter Druck gerät, irgendwann einen Punkt zu machen. Und genau diese Resonanz, diese Erwartung der Zuhörenden, dass irgendwann der Punkt kommt, um den es geht, versetzt den Redenden in den Zustand, diesen auch zu finden und seine Gedanken zu klären.

In Coaching und Sitzungen ist die Aufforderung “Erzählen Sie …” eine der besten, wenn es darum geht, zu neuen Gedanken zu kommen.

Und dafür braucht es die richtige Mischung von Geduld und Erwartung, dass der/die Redende bald zum Punkt kommen möge.


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